Am Anfang stand eine Ausfahrt
Im Juni 2023 entstand bei CIDIX eine kleine App mit einem einzigen Zweck: Bei einer Ausfahrt sollte das Smartphone erkennen, wo ein Fahrzeug gerade ist, und an genau dieser Stelle eine Geschichte abspielen. Der erste funktionierende Stand trägt im Code die Notiz „position tracking working“. Eine frühe Stationsliste führt als Testschleife durch Aachen, vorbei an Tivoli, CHIO-Gelände und Flugplatz Merzbrück.
Aus diesem Versuch wurde sector_tour, die App für die Große Porsche 914 Drei-Länder-Tour. CIDIX hat die Tour vom 24. bis 26. Mai 2024 gemeinsam mit der Porsche-914-Gemeinschaft 914 SECTOR ausgerichtet. Sechs Etappen und 362 Kilometer führten durch Deutschland, Belgien und die Niederlande: über die Börde, durch Eifel und Ardennen bis Lüttich und Maastricht, mit Halten unter anderem in Vogelsang und an der Rennstrecke von Spa-Francorchamps.
Mehr als 60 Porsche 914 waren dabei. Unterwegs erzählte die App 358 kurze Texte über die Orte, an denen die Fahrzeuge gerade vorbeifuhren. Statt eines Roadbooks auf dem Beifahrersitz und Erklärungen erst am Abend hörten die Teams die Geschichte eines Ortes in dem Moment, in dem sie ihn sahen. Fernsehen und Radio berichteten über die Tour.
Geschichten, die ihren Ort kennen
Die Idee ist einfach, die Umsetzung musste robust sein. Jede Station hat Koordinaten und einen Audiotext. Die App beobachtet nicht alle Stationen gleichzeitig, sondern nur die nächste. Kommt das Fahrzeug in ihren Umkreis, anfangs 30 Meter, bei der Tour 2024 dann 50 Meter, rückt die App weiter und spielt den Text ab. Läuft noch eine Geschichte, wartet die nächste, bis sie zu Ende ist. Der Fortschritt wird gespeichert, sodass eine Fahrt nach einem Neustart der App an derselben Stelle weitergeht.
Mobilfunk ist in Eifel und Ardennen keine Selbstverständlichkeit. In der ersten Version lagen die Audios deshalb direkt in der App. Für die Tour 2024 luden Teilnehmende vor dem Start ein Sprachpaket herunter, auf Deutsch, Englisch oder Niederländisch, und die Wiedergabe lief danach ohne Netz. Die Oberfläche selbst war zusätzlich auf Französisch übersetzt.
Damit sich die Gruppe nicht über die Strecke verteilt, waren die Etappen zeitlich gesteuert. Nach jeder Etappe zeigte die App „Etappe abgeschlossen“ und einen Countdown bis zur Weiterfahrt. Die Karte folgte dem Fahrzeug und passte Zoom und Neigung an die Geschwindigkeit an. Wer falsch abbog, konnte die Route neu berechnen lassen, und bei einer Panne schickte ein eigener Bildschirm die Position per SMS an das Servicefahrzeug.
Vom Echo zum Produkt
Die Rückmeldungen auf die Tour waren so deutlich, dass daraus ein Produkt wurde. Im November 2024 begann CIDIX mit CHRONICLE: GO als App für Teilnehmende, STUDIO als Werkzeug für Veranstalter im Browser.
Der Schritt war größer, als er klingt. sector_tour kannte genau eine Veranstaltung. Ihre Stationen wurden direkt in der Datenbank gepflegt, die Verwaltung beschränkte sich auf das Anmeldeformular. CHRONICLE musste dagegen jedem Veranstalter erlauben, eine eigene Tour zu bauen, ohne eine Zeile Code: Strecke, Etappen, Texte, Medien, Aufgaben, Teilnehmende und Dokumente, für Ausfahrten, Rallyes, Erkundungen und Schnitzeljagden.
Was CHRONICLE heute ist
In STUDIO planen Veranstalter eine Tour im Browser. Die Route entsteht abschnittsweise aus Punkten und Etappen, mit Datum und Uhrzeit. Jeder Punkt erhält einen Auslöser: einen GPS-Umkreis zwischen 10 und 500 Metern, einen verborgenen Ort oder einen Code, der nur auf dem Server geprüft wird. Texte spricht eine KI ein, mit 30 Stimmen und auf Wunsch als Dialog zweier Sprecher; Erkennungsmelodien kommen automatisch dazu, und die Karte zeigt, wo entlang der Strecke Audio läuft.
Aus denselben Daten entstehen druckfertige Dokumente. Der Roadbook-Editor setzt Bordbuch-Tabellen mit Distanzen und Richtungssymbolen, erzeugt Pacenotes aus dem Höhenprofil und arbeitet mit Vorlagen, eigenen Schriften und Sponsorenlogos. Für die Behörde gibt es den Genehmigungsantrag nach § 29 StVO mit Karten je Etappe, für die Teilnehmenden einen Haftungsverzicht und eine Teilnehmerliste.
Für den Tag selbst verwaltet STUDIO Teilnehmende, Teams, Startnummern und Rollen wie Organisation oder Servicefahrzeug. Aufgaben in sechs Arten werden auf dem Server gewertet und erscheinen in einer Live-Rangliste; Rallyes erhalten Kontrollpunkte mit Sollzeiten und Strafsekunden. Eine Live-Karte zeigt die Positionen der Teilnehmenden, und Nachrichten erreichen alle per Push. Mehrere Personen können gleichzeitig an einer Tour arbeiten, mit Änderungsverlauf und automatischen Sicherungen.
GO begleitet die Teilnehmenden von der Anmeldung bis zum Ziel. Der Beitritt läuft über einen Code, der Haftungsverzicht wird in der App mit Ort und Zeit unterschrieben, und vor dem Start lädt GO alle Medien für den Offlinebetrieb. Unterwegs gibt die App Abbiegehinweise per Sprache, lässt Geschichten aber immer zuerst ausreden. Dazu kommen Umleitungen, Rätsel und Aufgaben, die Pannenhilfe mit Servicefahrzeug, ein Tagebuch, Ergebnisse mit Abzeichen und eine Karte zum Teilen.
Veranstalter kaufen eine Tour einzeln über Stripe, eine Testtour ist kostenlos. Jede Tour bekommt eine öffentliche Seite mit Vorschaubild und einen Flyer mit QR-Code. GO ist seit Sommer 2026 im App Store und bei Google Play erhältlich. Hinter allem stehen rund 88.000 Zeilen Code in STUDIO mit 147 Testdateien, rund 31.000 Zeilen in GO mit 51 Testdateien und etwa 55 Cloud Functions.
Was von sector_tour geblieben ist
Manches lässt sich im heutigen Code direkt zurückverfolgen. Die Pannenhilfe von GO nennt den Pannenbildschirm der alten Tour-App ausdrücklich als Vorbild und übernimmt sein Format für den Kartenlink. Die Kameraführung nutzt dieselben Geschwindigkeitsstufen. Und der Standard-Umkreis von 30 Metern stammt aus der ersten Version.
Gerade dieser Umkreis zeigt, wie das Produkt gewachsen ist. Bei einer Porsche-914-Ausfahrt im September 2026 blieb ein Punkt mit festem Ring unerreichbar. Seitdem passt GO den Umkreis an Tempo, GPS-Genauigkeit und Abstand zum vorigen Punkt an; der Abschnitt weiter unten erklärt, wie. Die 358 Texte der Tour von 2024 dienen außerdem als Referenz für einen automatischen Tour-Entwurf, der sich noch in Entwicklung befindet: etwa für das Sprechtempo und die Regel, dass eine Geschichte zwei bis zehn Kilometer vor ihrem Ort beginnt.
Ein verschobener Punkt soll nicht die ganze Tour neu berechnen
STUDIO speichert eine Tour nicht als eine einzige fertige Linie. Die Strecke besteht aus benachbarten Punkten und den Segmenten dazwischen. Ein Veranstalter kann nur fehlende Abschnitte, einen ausgewählten Bereich, eine Etappe oder die letzten fünf beziehungsweise zehn Segmente berechnen lassen. Dadurch bleibt eine Korrektur lokal: Wird ein Punkt verschoben, muss nicht automatisch die gesamte bereits bearbeitete Tour neu vom Routingdienst bezogen werden.
Jedes Segment trägt seine eigene Geometrie, Straßennamen, Entfernung, Fahrzeit, Abbiegeschritte und Warnungen. Auch die gewählte Navigationsart gehört zum Segment. Das ist wichtig, weil ein Fußweg andere Optionen benötigt als eine Autofahrt. Das System lässt Auto-Vermeidungsoptionen bei Fußsegmenten deshalb bewusst weg.
Beim Speichern gab es eine weniger sichtbare, aber entscheidende Abwägung. Segmentdaten und aufsummierte Tourwerte werden getrennt geschrieben. Würde eine fehlende Berechtigung am Tourdokument den kompletten Vorgang zurückrollen, könnten bereits bezahlte Routingabfragen verloren gehen, obwohl die Karte lokal eine erfolgreiche Berechnung gezeigt hat. Die Trennung erhält die erzeugten Segmente. Sie akzeptiert dafür, dass Summen kurzzeitig hinterherhinken können. Das ist keine perfekte Gesamttransaktion, sondern eine kontrollierte Fehlergrenze.
Wie GO auf einer ungenauen Position stabil bleibt
GO baut aus den gespeicherten Polylinien einen fortlaufenden Navigationspfad. Abbiegehinweise liegen auf kumulierten Streckendistanzen. Reine Abfahrtsmeldungen und bedeutungslose Ankünfte an Zwischenpunkten werden verworfen; echte Manöver am Segmentende bleiben erhalten. Aus jedem GPS-Fix entsteht anschließend ein fachlicher Zustand mit Banner, Off-Route-Bewertung und den jetzt fälligen Ansagen. Widgets müssen diese Entscheidungen nicht selbst treffen.
Der schwierige Teil ist die Zuordnung eines springenden GPS-Punkts zur geplanten Strecke. Der Route-Snapper sucht zunächst in einem gleitenden Fenster von ungefähr 500 Metern um den bisherigen Fortschritt. Rücksprünge und Segmente entgegen der Fahrtrichtung erhalten Strafkosten. Die Fahrtrichtung fließt erst ein, wenn das jeweilige Profil eine ausreichend verlässliche Geschwindigkeit meldet. Findet das lokale Fenster keine plausible Stelle, wird global neu gesucht. So bleibt die Führung an Kreuzungen ruhig und kann die Route nach einem Tunnel oder einer Umleitung trotzdem wiederfinden.
Ein Rundkurs erzeugt einen besonderen Fehlerfall: Start und Ziel liegen fast am selben Ort. Ohne zusätzlichen Kontext könnte Warten am Start so aussehen, als sei die komplette Tour bereits gefahren. GO setzt deshalb vor der lokalen Suche einen erwarteten Fortschritt. Vorhandene Regressionstests bilden diesen Fall, einen Start abseits der Route und die Wiederaufnahme in einem späteren Abschnitt ausdrücklich ab.
Wegpunkte folgen einer eigenen Logik. Ihr Erkennungsradius kombiniert einen Grundwert, die aktuelle Geschwindigkeit und die gemeldete GPS-Ungenauigkeit. Bei dicht gesetzten Punkten wird der Radius relativ zum Abstand des Vorgängers begrenzt. Ziele, die deutlich hinter dem erkannten Streckenfortschritt liegen, werden als verpasst behandelt, damit sie nicht sämtliche weiteren Ansagen blockieren. Für Schnitzeljagden gelten andere Regeln: fester Radius, kein Tempovorhalt und kein automatisches Überspringen. Diese Trennung ist eine Produktentscheidung, keine bloße Konfiguration.
Offline-Bereitschaft ist kein boolesches Versprechen
Eine Tour ist nicht offlinefähig, nur weil irgendwann ein Downloadknopf gedrückt wurde. GO erstellt einen Downloadplan, priorisiert Audio vor Bildern und verarbeitet mehrere Dateien parallel. Leere oder symbolische URLs werden gar nicht als Dateien behandelt. Eine Datei zählt erst dann als vorhanden, wenn der Request erfolgreich war und eine nichtleere Datei auf dem Gerät liegt. Teilstücke eines fehlgeschlagenen Downloads werden entfernt.
Das Ergebnis unterscheidet fehlende Pflichtaudios von fehlenden Bildern. Audios bestimmen, ob eine Tour gestartet werden kann; Bilder dürfen als benannte Lücke verbleiben. Ein erneuter Versuch lädt nur die fehlgeschlagenen Einträge. Beim späteren Öffnen kontrolliert die App die Dateien erneut, anstatt einem alten Bereitschaftsflag nach Cacheverlust zu vertrauen.
Auch die Aufnahme eigener Routen ist an einen expliziten Datenvertrag gebunden. Punkte erhalten einsbasierte Dokumentkennungen, Segmente nullbasierte. GO schreibt genau diese Konvention, weil STUDIO sie lesen muss. Vertragsprüfungen decken außerdem alte Dokumente mit fehlenden Medienfeldern und Koordinaten in historischen Stringformaten ab. Für Schnitzeljagden ist das Ersetzen einer vorhandenen Aufnahme gesperrt: Ein pauschaler Austausch würde Rätsel, Medien und geheime Lösungen zerstören.
Prüfen, bevor Teilnehmer unterwegs sind
STUDIO besitzt eine fachliche Startklar-Prüfung, die ohne direkten Datenbankzugriff arbeitet. Jeder Befund hat Schweregrad, stabile Kennung, verständliche Erklärung und optional ein Ziel im Editor. Die Oberfläche kann dadurch vom Problem direkt zur passenden Bearbeitung springen.
Die Regeln hängen vom Tourtyp ab. Eine Erlebnistour benötigt eine berechnete Route; eine freie Erkundung nicht. Ein Rallyeformat ohne Kontrollpunkt, ein Rätsel ohne hinterlegte Antwort, überlappende Auslöser oder eine Fußstrecke mit noch gültigem Auto-Routing werden unterschiedlich eingeordnet. Fehlen die Punktdaten vollständig, behauptet die Prüfung keinen sicheren Zustand. Die Oberfläche zeigt, dass nur ein Teil geprüft wurde.
Länger laufende Massenoperationen verwenden zusätzlich eine kooperative Lease. Routenberechnung, Neuzuordnung nach Sortierung und Audiomontage markieren denselben Arbeitsbereich für 45 Sekunden. Abgelaufene Leases können übernommen und eigene verlängert werden. Bei Backend- oder Netzfehlern läuft eine begonnene Arbeit jedoch weiter. Die Lease reduziert Konflikte; sie ist keine Garantie strikter gegenseitiger Ausschließung.
Was diese Arbeit für ähnliche Aufträge zeigt
CHRONICLE verbindet Produktmodell, Webwerkzeug, mobile Laufzeit und Backend. Der relevante Leistungsnachweis ist nicht die Zahl der sichtbaren Funktionen. Er liegt in den Übergängen: Ein partiell neu berechneter Abschnitt bleibt mit der Tour konsistent, ein ungenauer GPS-Fix wird zu stabilem Fortschritt, und ein Offline-Status lässt sich erneut aus tatsächlichen Dateien ableiten.
Für vergleichbare Aufträge bedeutet das: CIDIX kann ein domänenspezifisches Werkzeug und die dazugehörige App als ein System entwickeln. Kritische Regeln werden aus der Oberfläche herausgelöst, mit historischen Datenformaten abgeglichen und an realen Fehlerfällen beschrieben. Welche Erfolgskennzahlen ein neues Produkt braucht, wird gemeinsam definiert; CHRONICLE liefert dafür keine erfundene Zeit- oder Umsatzmetrik.
Und CHRONICLE zeigt, wie aus einem einzelnen Projekt ein Produkt wird. Was für eine Ausfahrt funktioniert hat, wurde nicht einfach vervielfältigt, sondern so verallgemeinert, dass Veranstalter es ohne Programmierung für ihre eigene Tour nutzen können.







